Tausend Jahre wie ein Tag

  Wie lange noch?
Leben oder Tod
Tränen sind nötig
Nichts anderes als Gleichgültigkeit
1. November 1999 in England
Ein nationaler Bußtag in Deutschland?

 
Eine Möglichkeit, ein vielleicht nicht wiederkehrendes Gnadenangebot bietet uns das Jahr 2000. Gott, vor dem tausend Jahre sind wie ein Tag (2. Petrus 3,8), wartet auf uns, und Sein Volk wartet auch.
Nirgends in der Bibel findet sich eine Stelle, die sagt, wenn etwas mehr als zweihundert oder dreihundert Jahre zurückliegt, dann beginnt die Sache zu verblassen, die Sünde vergilbt langsam, und irgendwann ist sie nicht mehr existent.

Israel-Bußgottesdienst in Zürich am 25.9.1999

Vor Gott liegen Bücher aufgeschlagen (vgl. Daniel 7,10; Offenbarung 20,12) . Alles ist eingetragen: persönliche Schuld, Schuld unserer Vorfahren, unseres Volkes, der Gemeinde Jesu Christi – von negativen Bemerkungen, Verleumdungen, Gleichgültigkeit, unterlassener Hilfeleistung, Feigheit bis hin zu Diebstahl, Enteignung, Quälereien, Folterung, Mord und Totschlag – alles ist eingetragen. Nur das, was mit der Bitte um Vergebung unter das Kreuz Jesu Christi gebracht wurde, ist ausgelöscht – schneeweiß geworden im Blut des Lammes. Es ist nicht mehr zu finden. Doch vieles, unendlich vieles steht noch da.

Es verblaßt nicht in 2000 Jahren. Nach der Zeitrechnung Gottes sind erst zwei Tage vergangen. Er wartet auf unsere Bitte um Vergebung – und auch Sein Volk.

Nobelpreisträger Elie Wiesel brachte das am 27. Januar 2000 anläßlich des Auschwitz-Gedenktages im Deutschen Bundestag unmißverständlich zum Ausdruck:

  Mein Volk hatte zahllose Feinde, seitdem es auf der Weltbühne auftrat. Wir erinnern uns ihrer aller. Aber keiner hat uns so tief verwundet wie Hitlerdeutschland … Kein Volk, keine Ideologie, kein System hat je in so kurzer Zeit ein solches Ausmaß an Brutalität, Leid und Demütigung über ein Volk gebracht wie das Ihrige über das meine … Haben Sie das jüdische Volk gebeten, Deutschland zu verzeihen, was das Dritte Reich in Deutschlands Namen so vielen von uns angetan hat? Tun Sie es, und es wird in der Welt widerhallen.  

Beinahe kam diese aufrüttelnde Mahnung schon zu spät. Bundespräsident Rau hat daraufhin am 16. Februar vor der Knesset eine offizielle Bitte um Vergebung überbracht. Doch hier kann es immer nur ein Zuwenig geben, niemals ein Zuviel.

Am 31. Januar berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind deutsche Rechtsextremisten legal und mit wehenden Fahnen durch das Brandenburger Tor marschiert."

Wie lange noch?

 

Als der jüdische Dichter Aychenrand 1942 an der Schweizer Grenze auf der Flucht vor den Nazis nach seinem Alter gefragt wurde, antwortete er: „Ich bin 2000 Jahre alt." Diese Begebenheit war für Simon Wiesenthal der Anstoß, die 2000jährige Geschichte der jüdischen Verfolgung aufzuzeichnen, wie sie uns in seinem Buch JEDER TAG EIN GEDENKTAG vorliegt.

Ähnliches erlebte ein uns befreundeter Pfarrer, der verschiedene Abschnitte des mehrjährigen Kreuzfahrer- Versöhnungswegs mitgegangen ist. Auf dem Weg nach Jerusalem besuchte diese Gruppe lebendiger Christen die jüdischen Gemeinden, die damals bis auf wenige Entronnene von den Kreuzfahrern ausgerottet worden waren. Es hatte zu ihrem „heiligen Krieg" gehört, während des langen Weges alles jüdische Leben, dem sie begegneten, mit brutalster Gewalt und ohne jedes Erbarmen im Namen unseres Herrn Jesus Christus auszulöschen. So war das Kreuz einst wie heute für Sein Volk nicht Zeichen des Heils, der Errettung, der Liebe Gottes, sondern Symbol der Verfolgung und des Todes. Als sich die Gruppe verspätet hatte und die wartende jüdische Gemeinde dafür um Verzeihung bat, antwortete der Gemeindeleiter, ein Auschwitz-Überlebender: „Wir haben 900 Jahre auf diese Stunde gewartet, nun kommt es auf die paar Minuten auch nicht mehr an …"

Unsere beiden Schwestern in Brasilien hatten mehr als 60 Gäste eingeladen – auch den Rabbiner und andere Glieder der jüdischen Gemeinde in Curitiba –, um sich als Christen unter die zweitausendjährige Schuld der Gemeinde Jesu zu beugen. Die Frau eines Holocaust-Überlebenden sagte daraufhin: „Man weiß von den 2000 Jahren des Unrechts, das unser Volk erduldet hat. Ich habe oft gedacht: Ach Herr, wie lange noch? Und nun erleben wir, daß Gott euch erweckt hat, um das alles ans Licht zu bringen. Wir sind überwältigt, denn ich dachte, ich würde diese Stunde nie erleben." Sünde verblaßt und vergilbt nicht, sie wartet darauf, vergeben zu werden.

Leben oder Tod
Seit Mitte der fünfziger Jahre durchlitt Mutter Basilea etwas von dem Grauen, das unsere Sünde angerichtet hat. Was nach dem Zweiten Weltkrieg an Schuld offenbar wurde, stellte ihr unausweichlich vor Augen, welche Folgen es hat, wenn wir Gott und Seinem Volk die entsprechende Antwort schuldig bleiben. 1958 schrieb sie in ihrem Buch ISRAEL – MEIN VOLK:

 
Möchten wir doch die Augen nicht verschließen, sondern jetzt hinsehen und erkennen, was wir getan haben, denn es sind Tatsachen, und Blut schreit nach Vergeltung. In der Offenbarung des Johannes lesen wir: „Sie haben Blut vergossen und Blut hast du ihnen zu trinken gegeben, denn sie sind's wert" (Offenbarung 16,6). Unschuldig vergossenes Blut schreit zum Himmel … Wissen wir, daß wir und unser Volk nach der Gerechtigkeit Gottes alle dem Tod verfallen sind nach dem, was wir getan, da wir Millionen Unschuldiger in grausamster Art und Weise in den Tod getrieben haben? Wissen wir, daß das Gerichtsschwert Gottes über uns steht und unentrinnbar auf uns herniederfallen wird, so wir nicht Buße getan haben und Vergebung der Sünde empfingen?

 

Es ist unbegreifliches Erbarmen, daß Gott bis heute auf uns wartet.

Dr. Christoph Häselbarth (Josua-Dienst, Strittmatt) betonte bei der Israelkonferenz im Juni 1999 in Berlin:

Wir sollten in einer Bußhaltung darüber beten, daß wir Deutschen von jeher mehr an die Natur glauben, mehr an das Machbare und an das Gute in uns als an Gott. Die Herzen vieler Menschen sind noch verseucht vom Nationalsozialismus. Für all dies müssen wir als einzelne, als Familien, als Gemeinden und als Land Buße tun. In vielen Familien, auch in christlichen Familien, ist noch keine tiefgehende Buße vollzogen worden hinsichtlich der Sünden unserer Vorfahren im Dritten Reich. Nationalsozialismus und Antisemitismus ist noch in vielen Köpfen und Herzen. Wenn wir nicht freiwillig Buße tun, wird Gott Umstände zulassen, die gravierender sind als der Zweite Weltkrieg, aus dem wir nicht demütig hervorgegangen sind.

Persönliche Buße und stellvertretende Buße, wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt wird (Daniel 9; Nehemia 1,6–7), ist keine Privatsache. Tod oder Leben hängen davon ab, nicht nur für uns selbst, sondern für Generationen – für unser Volk – für die Welt.

Sehr zu Herzen gehend wurde dieses Anliegen auch beim Bußgottesdienst in Frankfurt am 25. Juli 1999 weitergegeben:

Der Herr hat Abraham verheißen: „Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen" (1. Mose 12,3). Nicht nur einmal, sondern Tausende von Malen auf deutschem Boden, in den Städten, die wir heute als deutsche Städte mit Leben erfüllen, ist Abrahams Nachkommenschaft vielfältig verflucht worden. Wenn wir nicht die Flüche durch ein bußfertiges Herz und flehentliche Gebete abwenden und damit so vor Gott kommen, werden wir unter diesem Fluch enden.

Inwieweit hat die Gemeinde Jesu in unserem Land schon angefangen, Buße zu tun? Dabei geht es nicht um ein seichtes: „Vater, entschuldige – danke, daß Du mir vergibst". Wir haben den Augapfel Gottes angetastet. Wir, die heute Lebenden, sind Nachkommen der Generationen, die es taten. Und es gilt, klar zu bekennen: Das betrifft mich. Das ist meine Schuld. Denn als ganzes Volk sind wir geprägt von 2000 Jahren antijüdischem Denken, Reden und Handeln, immer das Negative: die Juden. Der Heilige Geist muß uns eine Liebe geben, wo Haß war, damit dieser Ungeist, der seit 2000 Jahren mitten in Europa sein Wesen treibt, ausgerissen und zerstört wird. Wenn wir nicht umkehren in der Kraft des Herrn, was wird uns dann passieren?!

Du und ich haben eine Verantwortung, und der wollen wir uns stellen. Es stimmt nicht, daß die Zeit Wunden heilt. Sie sind nicht geheilt, denn wir haben uns noch nicht mit dem Leid identifiziert, haben noch nicht verstanden, was wir angerichtet haben. Tränen sind nötig, Tränen über uns, Tränen über das Judenschicksal in der ganzen Welt. Unser entschlossenes Auf- und Dagegen-Stehen ist nötig. Die Umkehr muß aus dem Herzen kommen. Die Liebe deckt viele Sünden zu.

Pastor Rudi Pinke

Tränen sind nötig

 

Die „betenden Frauen" in England (Lydia Fellowship), von denen an anderer Stelle noch die Rede sein wird, konnten bezeugen: „Wir haben unsere Augen trocken geweint". Und eine Deutsche, kurz nach der Reichspogromnacht geboren, erbittet tief erschüttert vom Herrn: „Ich sehne mich, o Herr, nach einem Tränenmeer. Doch hätte ich sechs Millionen Tränen, es wäre nur eine da für jeden Toten. Es reichte niemals aus …"

Mit rund 2000 Teilnehmern fand im vergangenen Jahr in Kanada eine Israelkonferenz statt, deren Schwerpunkt eine Bußversammlung am Nationalfeiertag war. Ein Echo von dort: „Es gibt in der Welt nicht ausreichend Tränen, um all den Schmerz und die Leiden zu beweinen, die das jüdische Volk von allen Nationen der Welt erfahren hat. Herr, zerbrich unsere Herzen um der Dinge willen, die Dein Herz brechen." – Wo sind unsere Tränen?

Es mag kein Zufall sein, daß der unvoreingenommene Beschauer der Figuren Synagoge und Ecclesia am Südportal des Straßburger Münsters seine Zuneigung unwillkürlich der Synagoge schenkt, die Gebrochenheit und Demut ausstrahlt, und nicht der Ecclesia mit ihrem selbstbewußten Stolz.

M. Basilea Schlink, ISRAEL – MEIN VOLK

Über uns steht seit fast 2000 Jahren das Urteil Jesu: „Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde." (Johannes 9,41). Der überlegene Geistesstolz der Ecclesia erbaute Kirchen auf jüdischem Grund und Boden, oftmals direkt auf den Fundamenten zerstörter Synagogen, wie in Nürnberg, Würzburg, Bamberg, Köln. Wer hat schon einmal daran gedacht, daß dies Unrecht ist?

Der gleiche Geist fand zutiefst demütigenden, schändlichen Ausdruck in vielen inzwischen denkmalgeschützten Skulpturen an mittelalterlichen Kirchen und Kapellen. Im vergangenen Jahr veranlaßte man endlich, daß in Wittenberg unter einer Juden aufs äußerste beleidigenden Darstellung eine Art Sühnetafel angebracht wurde – ein Tropfen Öl auf jahrhundertealte Wunden – ein Tropfen! Grabsteine von verwüsteten jüdischen Friedhöfen wurden geschändet und zweckentfremdet, zum Beispiel als Treppenstufen in den südlichen Turm der Lorenzkirche in Nürnberg eingebaut. Erst vor wenigen Jahren hat man sie herausgenommen und ihnen einen würdigen Platz in der Aussegnungshalle des jüdischen Friedhofs gegeben. Wundern wir uns über die zunehmenden Schändungen jüdischer Friedhöfe?

Für Juden hat ein Friedhof noch eine tiefere Bedeutung. Diese Grabsteine sind für sie so etwas wie ein Identitätsbeweis. Wenn man immer wieder in der Gefahr der Ausrottung steht, muß man seine Kinder an einen Ort hinführen können, wo man sagen kann: Hier liegen unsere Vorfahren. Sie haben gelebt, sie haben existiert. Der Grabstein ist der Beweis für unsere Geschichte.

Israel-Bußgottesdienst in Zürich am 25.9.1999

Wir aber treten diesen Identitätsbeweis so oft mit Füßen. Diese Art selbstherrlicher Überlegenheit hat schon in der frühchristlichen Kirche die bis heute gängige Ersatztheologie aufkommen lassen, die sich anmaßt, die Christen als auserwählt, das auserwählte Volk Gottes dagegen als verworfen zu bezeichnen. Wir tun, als hätten wir Römer 9–11 nie gelesen!

Nichts anderes als Gleichgültigkeit
 

Doch interessiert uns das alles? Wollen wir wirklich wissen, was in unseren Familien geschah – in unseren Ortschaften? Vielleicht ist das Geschäft nebenan ursprünglich in jüdischem Besitz gewesen … Fragen wir nach in den Stadtarchiven? Manche Gebetskreise sind in ihrer Stadt von einem ehemals jüdischen Haus zum anderen gezogen und haben Gott an allen Stätten des Unrechts stellvertretend für die eigentlich Schuldigen um Vergebung gebeten. So geschah es auch während des bereits erwähnten Bußgottesdienstes in Zürich.

Gehen wir zu unseren jüdischen Mitbürgern, um ihnen auf irgendeine Weise wohlzutun? Lassen wir sie unser Herz finden? Suchen wir zu erfahren, wer von den vertriebenen Juden unserer Stadt noch am Leben ist, und Kontakt zu knüpfen mit der Bitte um Vergebung? Viele dieser Überlebenden tragen einen tiefen Heimwehschmerz im Herzen nach dem Ort ihrer Kindheit und würden es als Zeichen der Liebe werten, wenn jemand nach ihnen fragte. Es ist Zeit dafür. Es ist höchste Zeit. Bald wird es keine Holocaust-Überlebenden mehr geben.

Auf einen Brief aus zerbrochenem Herzen kam im März 2000 folgende Antwort aus Israel:

„Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Mitgefühl … Vor zwei Jahren war ich mit meinen Kindern in B., um ihnen meine Kindheit, Geburtshaus und Friedhof zu zeigen. Verschiedene Leute sprachen mich an, die entweder Klassenkameraden waren oder mich erkannten. Jeder erzählte uns von seinen Problemen und was er alles mitgemacht hat – aber keiner erwähnte auch nur mit einem Wort, daß sie als Deutsche an allem schuld waren. Diesen Brief, den Sie jetzt geschrieben haben, hätte man vor 50 Jahren schreiben müssen …"

Darum heißt es jetzt zu handeln, ehe es zu spät ist. Unser natürlicher Mensch möchte ausweichen. Er wendet sich nur allzu gern ab von dem, was ihm unangenehm ist. „Wir wollen fröhlich sein in Seinem Licht" (Johannes 5,35) – anderes paßt nicht in unseren ohnehin belasteten Alltag hinein. Doch durch diese Haltung werden wir erneut schuldig.

Der Gegensatz von Liebe ist nicht Haß. Der Gegensatz von Hoffnung ist nicht Verzweiflung. Der Gegensatz von geistiger Gesundheit und von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn. Und der Gegensatz von Erinnerung heißt nicht Vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes Mal die Gleichgültigkeit.

Elie Wiesel

Dieses Urteil können wir nur tief gebeugt annehmen. Unsere erste Schwesterngeneration wurde schon vor Jahrzehnten von unseren beiden Gründerinnen, Mutter Basilea und Mutter Martyria, aus ihrer Gleichgültigkeit herausgerissen. Durch Gottes Gnade konnte manches geschehen, nicht zuletzt der über 40jährige Sühnedienst unserer Schwestern in Israel. Und doch sind wir ständig bedroht von dieser lebensgefährlichen Macht der Gleichgültigkeit und Lauheit und erliegen ihr immer wieder. Gottes Geist brachte Mitte der neunziger Jahre erneut unter uns etwas in Bewegung. Vor allem legte Er Schwester Pista als brennendes Anliegen aufs Herz, was sie beim Christlichen Laubhüttenfest in Jerusalem 1997 zum Ausdruck brachte:

Heute sind wir aus ungefähr 100 Ländern hier zusammen. Was könnte geschehen, wenn wir alle nach Hause gingen, vom Heiligen Geist unserer Schuld als Christen überführt und durch denselben Heiligen Geist bevollmächtigt, diese Erschütterung weiterzutragen in unsere Kirchen und Gemeinschaften, behutsam und doch überzeugend. Ach, was könnte in der himmlischen Welt geschehen und gleichermaßen in den Herzen unserer jüdischen Brüder und Schwestern, wenn im Jahr 2000 ein neues Wehen des Heiligen Geistes Gottes uns erfaßte, und wir Christen bekennen würden, daß wir Jesus abermals gekreuzigt haben in Seinem Volk. Bitte, beten Sie mit dafür, daß im Jahr 2000 an tausend Orten überall in der Welt Bußgottesdienste stattfinden.

Wir sind immer neu dankbar, wie Gott diesen Einsatz gesegnet hat. Der Video-Mitschnitt von Schwester Pistas Ansprache wurde in manchen Staaten landesweit vom Fernsehen ausgestrahlt. Die Informationsschrift DIE SCHULD DER CHRISTENHEIT AM VOLK DER JUDEN wurde nicht nur in mehreren Sprachen gedruckt verbreitet, sondern ist auch im Internet zugänglich. Es kamen unerwartet vielfältige Reaktionen. Doch mehr als alles andere hat uns beschämt, was in England geschah.

1. November 1999 in England
 

Schwester Pista berichtete selbst:

Im Gedenken an die Vertreibung der Juden aus England am 1. November 1290 wurde auf Initiative der Christlichen Freunde Israels (Christian Friends of Israel) zu einem nationalen Bußgottesdienst eingeladen. Vormittags fand eine Gebetsversammlung in der Westminster Central Hall statt, nachmittags ein Gottesdienst im Oberhaus (House of Lords). Ich war gebeten worden, am Vormittag zu sprechen und am Nachmittag eine kurze Abschlußbotschaft zu geben. Daß ausgerechnet ich als deutsche Schwester dazu eingeladen wurde, ist keinesfalls selbstverständlich, und ich danke von Herzen jedem, der diesen nicht leichten Auftrag im Gebet mitgetragen hat.

Die Frage war: Wer würde überhaupt an einem Montagmorgen zu solch einem Gottesdienst kommen? Doch viele Hundert fanden sich ein, bis aus Schottland, sogar per Flugzeug. Manche mußten wegen der weiten Fahrt schon in der Nacht aufstehen, und viele blieben bis in den Nachmittag hinein, um auch noch an der Gebetswache von 14–18 Uhr teilnehmen zu können.

Die Gnade, die der Herr an diesem 1. November schenkte, kam nicht von ungefähr. Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, bestürmten die „betenden Frauen" den Herrn und taten Buße stellvertretend für ihr Volk. Jetzt wurde der Segen ihres unermüdlichen Ringens offenbar. Der Nachmittag fand mit 100 geladenen Gästen, darunter auch Juden, im Mose-Saal des Oberhauses statt, im Herzen des Regierungssitzes. Verschiedene Persönlichkeiten waren anwesend, die in ihrem Land in Regierung oder Kirche Verantwortung tragen. Es ging in diesem Zusammensein nicht um Grundprinzipien von Schuldbekenntnis und Buße im allgemeinen, sondern das im eigenen Land begangene Unrecht wurde konkret beim Namen genannt. Bereits am Vormittag war ein Schuldbekenntnis von Repräsentanten betroffener Grafschaften und Städte unterzeichnet worden. Geoffrey Smith von den Christlichen Freunden Israels konnte sich kaum der Tränen erwehren, als er diese Feierliche Erklärung tief bewegt im Oberhaus vorlas:

… Wir gedenken der fast 2000 Jahre Antisemitismus in der christlichen Kirche. Wir bekennen, daß das jüdische Volk oft des Gottesmordes bezichtigt wurde, man ihnen Ritualmord vorwarf. Wir stellen uns dazu, daß viele Verfolgungen und selbst der Holocaust, dessen wir an diesem Tag besonders gedenken, ihren Ursprung in der christlichen Kirche haben … Wir tun Buße für unsere Missetat am jüdischen Volk und geloben, unermüdlich gegen jegliche Art Antisemitismus anzugehen, besonders innerhalb der Kirche.

Die Anwesenden gingen innerlich mit. Und als dann dieses Bußbekenntnis mit mehr als 3000 Unterschriften dem offiziellen Vertreter der Königin für den Bereich Groß-London übergeben wurde, senkte sich etwas von Gottes Heiligkeit herab, ein historisch wirklich bedeutsamer Akt für dieses Land und die Christen dort. Im Rückblick bin ich überaus dankbar, daß der Herr Gnade schenkte – auch als Antwort auf viele Gebete.

Nach diesem 1. November war es plötzlich so, als ob der Pfropfen aus der Flasche sei. Offensichtlich hat der Tag der Buße etwas gelöst, was die Erhörung unserer Gebete blockierte. Und nun scheint plötzlich der Weg frei zu sein. Gott segnet uns schon mit einer neuen Welle der Buße, wie es noch nie war: Am 10. November versammelten sich die Leiter verschiedener Kirchen, ebenfalls im Mose-Saal, und leiteten eine nationale Bußbewegung ein für die Sünden der Nation im Blick auf die „ungerechten Gesetze", die seit 1951 erlassen worden sind (zum Beispiel Freigabe der Abtreibung).

Am 1. Dezember reiste Lord Alton, Mitglied des Oberhauses und ehemaliger Abgeordneter für Liverpool, nach Benin in Westafrika, um Buße zu tun über den Sklavenhandel. Lord Alton berichtet: „Nie vorher, außer bei meinem Besuch in Yad Vashem, hatte ich solch schreckliche Eindrücke zu bewältigen … In der Stille fragten wir uns, welche Sühne je solche Unmenschlichkeit abtragen könne." Er überbrachte einen Brief an das Versöhnungskomitee in Benin, der vom Liverpooler Stadtrat einstimmig angenommen worden war. Darin wurde nicht nur die führende Stellung der Stadt beim Sklavenhandel offiziell anerkannt, sondern er war auch die erste öffentliche Entschuldigung überhaupt. Beschämend die Reaktion des Präsidenten von Benin, der sich seinerseits zur „Beteiligung [seiner Vorfahren] an der Demütigung und Schande" stellte und zu Vergebung und Versöhnung aufrief.

Eine Kette von Versöhnungen – die Antwort auf das treue Gebet vieler schlichter Christen, die keine Ruhe lassen, bis durch Reue und Buße Versöhnung geschieht. Wollen wir uns nicht vereinigen in einem Gebetsaufbruch wie nie zuvor?

Ein nationaler Bußtag in Deutschland?
 

Noch ist in unserem Land kein nationaler Bußgottesdienst geplant. Dazu weiter Schwester Pista:

Müßte es uns Christen im schuldbeladenen Deutschland nicht zur Eifersucht reizen, daß das in England geschehen konnte? Mehr noch als bisher brennt in unseren Herzen der Schmerz darüber, wie weit wir in unserem Land von einer nationalen Buße entfernt sind. Ja, daß sie für uns größtenteils noch nicht einmal als Glaubensziel existiert. In wessen Herz ist solch ein Aufschrei lebendig wie bei den Lydia-Frauen in England? Sind wir nicht vielfach gleichgültig und selbstzufrieden? Wie viel gibt es für uns noch zu tun, zu erflehen, zu erglauben, nicht zuletzt für unseren Bußgottesdienst auf Kanaan im kommenden August! Wir haben noch kaum angefangen.

Möge Gott uns allen neu und anders aufs Herz legen, für unser Volk in den Riß zu treten. Wenn wir um Erweckung flehen wollen, um Verschonung vor Gottes Gerichten, um Gnade zur Umkehr, dann ist der Durchbruch zu konkreter Buße für die abgrundtiefe Schuld antisemitischer Verbrechen durch die Jahrhunderte nur der allermindeste Anfang. Praktisch würde das bedeuten, all das Entsetzliche, das Juden in deutschen Städten widerfahren ist, klar beim Namen zu nennen und Gott um Verzeihung zu bitten. Stellen wir uns vor, eine solche Bußerklärung mit Tausenden Unterschriften würde in einem historischen Saal in Berlin einem offiziellen Vertreter unserer Regierung übergeben, was könnte dann in unserem Land geschehen!

Christen in aller Welt flehen seit Jahren um Erneuerung der Kirche und um Erweckung in ihrem Land. Lassen Sie uns das Haupthindernis aus dem Weg räumen, unsere noch nicht erkannte und bereute Schuld an Seinem auserwählten und geliebten Volk.

Bei Gott ist Vergebung,
daß man Ihn fürchte.
Der Herr will kommen –
Er komme gewaltig!
Er handle an uns nach Seiner
großen Barmherzigkeit
und sei unserem Volk noch
einmal gnädig.

Titelfoto: Inschriften im Tal der zerstörten jüdischen Gemeinden, Yad Vashem, Jerusalem
Bibeltext: meist Lutherbibel, revidierte Fassung 1984   © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart