Your eyes will see the king in his beauty
and view a land that stretches afar.
Isaiah 33:17 NIV
Ramat Rachel Kongresshalle, Jerusalem
Darmstadt, im September 2001
Der Konferenzort im Kibbuzhotel Ramat Rachel war nur 15 Minuten von unserem Haus Beth Abraham entfernt. Hier hatte schon 1961 Mutter Basilea viele Stunden im Gebet und Flehen für Sein Volk verbracht. Von dort fällt der Blick auf die umstrittene Müllberg-Siedlung Har Choma, auf Bethlehem und Gilo. Wer die Straße unterhalb des Konferenzzentrums verläßt, begibt sich in palästinensisches Autonomiegebiet. Das Leid auf beiden Seiten geht „unter die Haut". Im Konferenzzentrum arbeiten Israelis und Araber friedlich miteinander, doch gleichzeitig begleiten aus der Entfernung Schießereien die Konferenz. Ramat Rachel ist benannt nach Jeremia 31,15 „Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen." Das Damals ist wieder einmal zu einem Heute geworden.
Wenige Tage vor Konferenzbeginn erschien ein ganzseitiges Interview mit Schwester Pista in der Jerusalem Post. Mitten darin angezeigt die offiziellen Veranstaltungen, die für Yom HaShoa geplant waren – den nationalen Trauertag zum Gedenken der Opfer des Holokaust. Schon deswegen fand diese Seite besondere Beachtung. Unübersehbar die Überschrift „Forgive us, Father, for we have sinned" (Vergib uns, Vater, denn wir haben gesündigt). In diesem Interview konnte Schwester Pista vom Anliegen der Konferenz sagen:
"Wir sind nicht gekommen, um Vergebung zu erbitten – wir wollen uns zu den Verbrechen stellen, die wir Deutschen begangen haben, und die Schuld bekennen, die in 2000 Jahren von uns Christen angehäuft worden ist.
Wir wollen aufrichtig bekennen: Wir haben schwer gesündigt. Darum können wir nur zu Gott um Erbarmen schreien, und wir wollen es hier tun, damit Sie verstehen, daß wir eine neue Seite im Buch der Geschichte aufschlagen möchten."
Doch kann sie in diesem Interview auch persönlich bezeugen:
„Als Christin liebe ich Jesus und gehöre ganz zu Ihm – hier ist das Kreuz, das wir tragen." Sie weist auf das gestickte Kreuz ihrer hellen Tracht. Doch wenn sie z. B. in einem öffentlichen Bus erlebt, daß sich israelische Schulkinder von ihr abwenden, weil sie dieses Zeichen trägt, „ bringt es mir jede Minute zum Bewußtsein, was wir im Namen des Kreuzes getan haben."
Dieser Artikel wirkte wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde – er zog Kreise. CNN, das größte weltliche Nachrichtennetzwerk der USA, wurde aufmerksam und veranlaßte mehrminütige Reportagen, die Reaktionen über der ganzen Welt auslösten. Ebenso das größte christliche Netzwerk in USA, CBN, mit einer siebenminütigen Reportage. Jedesmal wurden die Nachrichten über Israels Trauertag Yom HaShoa zusammen mit unserem Bußbekenntnis in Ramat Rachel und Yad Vashem gezeigt: Trauer und Trost zusammen, Trost von christlicher Seite – eine Gnade, die sich keiner von uns vorher hätte ausdenken können!
Beim Bußgottesdienst vereinte uns Gottes Geist aus den verschiedenen Nationen und Kulturen, unabhängig von theologischen Ansichten und konfessionellen Unterschieden in dem einen Anliegen, Buße zu tun für das, was wir Seinem Volk angetan haben.
Bischof em. Prof. Dr. Christian Zippert, der in diesem Jahr als Nachfolger von Bischof Wilckens die Begleitung der evangelischen Kommunitäten übernommen hat, war bereits von Gott vorbereitet, diesen Dienst in Jerusalem aus innerster Überzeugung zu übernehmen und durchzutragen, zusammen mit sieben anderen Geistlichen aus verschiedenen Ländern und Denominationen.
Vor dem großen gemeinsamen Bußbekenntnis hieß es:
2000 Jahre lang hat Gott Leid getragen über unsere Einstellung zu unserem älteren Bruder Israel. Durch unser Verhalten haben wir uns als Feinde Seines Wortes und Seiner Heilsratschlüsse erwiesen. Alles, was wir von Gott wissen, wurde uns durch Juden überliefert. Jesus selbst sagte: „Das Heil kommt von den Juden" (Johannes 4,22). Wir haben uns gegen Gottes Volk gestellt und damit gegen Gott.
Wir können jahrhundertelanges Unrecht nicht ungeschehen machen, wir können die Toten nicht wieder zum Leben erwecken – aber wir wollen wenigstens unsere Schuld zugeben und von unseren bösen Wegen umkehren. Wenn wir jetzt dem Antisemitismus der Vergangenheit und Gegenwart absagen, verpflichten wir uns, in Zukunft jeglichem Antisemitismus entgegenzutreten.
Rabbi Paul Laderman nahm die Bußerklärung und die gesammelten Unterschriften entgegen und zitierte nach Micha 7,18–20:
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt, der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig! Er wird sich unser aller wieder erbarmen.
Und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.
Rabbi Paul Laderman schloß tiefbewegt mit dem Aaronitischen Segen, in dem uns der Herr selbst in Seiner Gnade begegnete, wie viele Teilnehmer hinterher bezeugten.
Die Jerusalem Post berichtete am 20. April darüber:
Über 1100 tiefgläubige Christen aus aller Welt standen gestern abend mit gebeugtem Haupt und bewegtem Herzen im Kibbuz Ramat Rachel in Jerusalem, um die Schuld von 2000 Jahren christlichen Antisemitismus vor dem jüdischen Volk zu bekennen und vor Gott zu bereuen. Der zwei Stunden dauernde Gottesdienst … bewegte viele Christen und Juden, die anwesend waren, zu Tränen.
„Ich konnte manches, was in der Welt geschehen ist, nie verstehen, aber mitzuerleben, wie sich Menschen mit diesen Problemen auseinandersetzen und darauf Bezug nehmen, das ist sehr bewegend", sagte Bill Richman, 56, ein aus Chicago stammender Israeli. „Ich kam, weil die Nonnen über teshuva (Buße) sprechen wollten, und ich dachte, hier zu sein wäre ein Segen – in der Gegenwart von Menschen zu sein, die eine solche Einstellung haben."
Aus dem CBN-Interview:
„Nur meine Mutter und meine Großmutter überlebten Theresienstadt. In meinem Leben ist ein tiefes Vakuum. Doch ich habe den Eindruck, daß diese Konferenz uns viel Heilung gebracht hat."
Weitere Stimmen aus Israel: Es hat mein Leben verändert. In meinem Herzen war immer noch eine Ecke, wo ich keinen Frieden hatte. Durch diesen Bußgottesdienst nun geschah es, daß diese dunkle Ecke gereinigt wurde. Und ich habe keine Worte, um meinen übergroßen Dank auszudrücken. Als ich am 21. April in Japan war, las ich in Japan Times Newspaper einen Bericht, der mich freudig aufhorchen ließ. Er ist überschrieben mit „Christen stellen sich unter die Schuld der Judenverfolgungen" … Das Dokument [Bußerklärung mit Unterschriften] stellt eine historische Schulderklärung dar.
Pfarrer Christoph von Abendroth berichtet von einer Begegnung in Jerusalem:
„Ihr glaubt nicht, was uns diese Konferenz bedeutet, die Ihr als Christen in dieser Zeit hier in Jerusalem gestaltet", so die Bemerkung einer etwa 30jährigen Jüdin, mit der ich in der Altstadt ins Gespräch kam, „wir sind so sehr gesegnet, getröstet und ermutigt von dem, was durch euch bei dieser Konferenz geschieht." Ich spürte, wie da Mauern des Mißtrauens eingerissen und neue Türen des Vertrauens geöffnet worden waren.
Dr. Reinhart Beaupain (Christusträger) schreibt uns nach der Konferenz:
Noch nie zuvor in der Geschichte der Christenheit ist ein Schuldbekenntnis der Kirche derart ausschließlich, umfassend, rückhaltlos und aufrichtig in einer so tiefgegründeten Bußhaltung dem jüdischen Volk gegenüber ausgesprochen worden.
Nachrichten aus Israel (NAI), Mai 2001:
Diese Bekenntniskonferenz hat nicht nur Israel bewegt, sondern wird auch segensreiche Folgen für die Christenheit haben, denn – so sagt schon der Talmud – „der Bußfertige nimmt einen höheren Rang ein als der Gerechte".
Für den folgenden Tag hatten wir einen weiteren Bußakt vorgesehen, diesmal in Yad Vashem, der nationalen Gedenkstätte für die Opfer des Holokaust. Zum ersten Mal in der Geschichte von Yad Vashem ist eine so große deutsche Delegation mit diesem Anliegen empfangen worden. 42 Orte waren offiziell vertreten durch Bürgermeister, Stadträte, Geistliche oder andere Delegierte. Aus tiefer Betroffenheit brachte jeder eine persönliche Bußerklärung für seinen Ort. Würzburg, Stendal, Berlin, Magdeburg, Leipzig, Hof, Kitzingen – um nur einige zu nennen. Der Oberbürgermeister von Regensburg schloß sein Bekenntnis mit einem Satz, den man über alles stellen könnte, was in diesen Stunden zum Ausdruck gebracht wurde: „Erinnern heißt letztlich nicht, die Asche zu verwahren, sondern eine Flamme am Brennen zu halten."
Professor Szewach Weiss, erster Vorsitzender und langjähriger Direktor von Yad Vashem, jetzt israelischer Botschafter in Polen, und Ehud Olmert, Bürgermeister von Jerusalem, nahmen die gemeinsame Bußerklärung entgegen, dankten und sprachen bewegt von „einem neuen Geist aus Deutschland". In vielen Zeitungsartikeln unseres Landes fanden diese Stunden durch die Berichte der Teilnehmer ihren Niederschlag – möge es weitergehen und die Flamme am Brennen erhalten werden.